Emigrieren

„Das Ich ist aus mir hinaus ausgewandert und in die Welt hinein. Dort steht es mir fremd gegenüber – zum Verwechseln ähnlich den vielen Anderen da draussen und kein noch so aufmerksames dem Welt-Ich zugewendetes Fragen und Hören ergibt eine Antwort, die man unterscheiden könnte vom Text der Anderen, die einem da gegenüber stehen.“

Das sagte Rainald Goetz in seiner Büchnerpreis-Rede. Unser Mittelpunkt ‚ist‘ ausserhalb. Ein Nullpunkt. Abstraktion kehrt sich dort um und projiziert zugleich Möglichkeiten. Eine bleibt vielleicht übrig. Alle übrigen Gäste sind bereits gegangen. Eine Diagonale aus Nullpunkten. Ein Punkt neben den beiden Anderen.

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Welcome to the Machine

Welcome my son, welcome to the machine.
Where have you been? It’s alright we know where you’ve been.
You’ve been in the pipeline, filling in time,
provided with toys and Scouting for Boys.
You bought a guitar to punish your ma,
And you didn’t like school, and you know you’re nobody’s fool,
So welcome to the machine.
Welcome my son, welcome to the machine.
What did you dream? It’s alright we told you what to dream.
You dreamed of a big star, he played a mean guitar,
He always ate in the Steak Bar. He loved to drive in his Jaguar.
So welcome to the machine.

Das ist der Text des zweiten Songs auf Pink Floyds Album „Wish You Were Here“, erschienen 1975. Ob vor 40 Jahren mit „The Machine“ die Musikindustrie gemeint war, im Gegensatz zu einem „forum of artistic expression“ (vgl. die englische Wikipedia), interessiert mich heute nicht (mehr so sehr). Heute geht es um einen Vortrag von Martin Fink vor der 10. Jahreskonferenz des Software Freedom Law Center (kurz: SFLC). Dieser Vortrag fiel mir im Kontext des FreedomBox Projekts auf, da ich gerade die aktuelle SFLC-Konferenz verfolge.

Martin Fink ist CTO bei HP und Direktor der HP Labs und vor einem Jahr sprach er zum Thema „FOSS and the Machine“. Die Aufzeichnung seiner Keynote ist hier verfügbar. Ab Minute 02:18 geht es um Leistungs- und Aufnahmefähigkeit (capacity), um die Leistungsfähigkeit der IT-Branche, immer neue Daten zu produzieren, und um begrenzte Aufnahmefähigkeit: die Maschine sei bald voll ausgelastet (=Problem @ 02:36), „hitting a wall“. Und die Lösung sei nun eben: The Machine.

Und das erinnert mich an einen Text von Peter Krieg aus dem Jahre 2004: „The Red Brick Wall. Computing faces the end of a road…„:

One possible answer comes from the “Pile System”, a revolutionary new approach developed by an independent Israeli inventor outside of academia and industry.

Peter ist 2009 gestorben und die Firma „Pile Systems Inc.“, für die ich als designierter CTO tätig war, Geschichte. Peter hatte Erez Eluls Technologie auch den Leuten beim HP Labs vorgestellt. Jetzt also: The Machine. (Fortsetzung folgt)

Gegenbegriffsaustausch

Angenommen, jede Beobachtung und Beschreibung muss eine Unterscheidung zugrunde legen:

“Um etwas bezeichnen (intendieren, thematisieren) zu können, muß sie es erst einmal unterscheiden können. Unterscheidet sie etwas von allem anderen, bezeichnet sie Objekte. Unterscheidet sie dagegen etwas von bestimmten (und nicht von anderen) Gegenbegriffen, bezeichnet sie Begriffe.“
Luhmann (1995), „Das Recht der Gesellschaft“, S. 26
Es geht hier sehr allgemein um die Arbeit am Begriff, in meiner aktuellen Arbeit konkret um „Kontrolle“ und, eine abschweifende Formulierung von Peter Fuchs aus seinem Einführungskurs in die allgemeine Theorie der Singsysteme aufgreifend, darum:
in der je eigenen Arbeit superevidente Unterscheidungen durch ein ‚Was wäre, wenn …?‘ aufzulösen.
Dabei – beim Versuch, eine antagonistische Differenz Kontrolle / X zu konstruieren – erscheint mir das hier schon mehrfach erwähnte DWDS-Wordprofil hilfreich.

Frage zum Wortprofil-Diff

sms2sms
https://t.co/wPD8PWMtxM @RalfBarkow ist das #GroundedTheory ?
30.10.15, 09:54

Ich wurde gefragt, ob dies Grounded Theory sei. Mag sein, es geht mir hier um methodische Ansätze:

Den Hinweis auf das Wortprofil-Diff verdanke ich übrigens Sabine Käfer, die mich im Kontext des S16-Kurses im September 2013 in Vorderbüchelberg auf den methodischen Nutzen des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache (DWDS, http://www.dwds.de) aufmerksam gemacht hat.

(Nassehi 2015-07-07 – Kapitalismuskritik ist Selbstberuhigung)

Vorvorgestern erschien ein Text von Armin Nassehi im Online-Kulturteil der deutschen Wochenzeitung Die Zeit, und dessen erster Satz ging so: „Die Zeiten für Kapitalismuskritik waren nie besser.“ Stets werde der Kapitalismus „als Kritikfokus und Kritikadresse ausgemacht“. Aber, so der für systemtheoretisch Interessierte geläufige Fingerzeig: „der Kapitalismus“ – nun zwischen Anführungszeichen – hat keine Adresse. Seine Unerreichbarkeit wird dann als kausale Letztbegründung dafür offeriert, den „Diskurs etwa um die Griechenland-Krise“ als „in den langweiligen Alternativen zwischen staatlicher Regulierung und dem wirtschaftsliberalen Glauben an Selbstheilungskräfte von Märkten gefangen“ bleibend zu beschreiben (mit Bezug auf den ihn nicht weiter interessierenden Gastbeitrag von Wolf Lotter in der Ausgabe vom 4. Juli).

Kritik stellt – eine Formulierung von Achim Brosziewski aufgreifend – theoretisch keine besonderen Anforderungen dar; man muss Unterscheidungen unterscheiden, im Zitat zum Beispiel  „staatliche Regulierung / Selbstheilungskräfte von Märkten“  – und schon werden die Konturen des Beobachters sichtbar: ein gelangweilter Beobachter, der routiniert „Kapitalismus / Klima“, „Gleichheitsversprechen der politischen Aufklärung / Ungleichheitseffekte des Ökonomischen“ und andere aus seiner Sicht allgemein bekannte Tatsachen abarbeitet, es nicht ausschliesst, dass es sich lohnen könnte, „dem Kapitalismus genauer auf den Grund zu gehen“, dessen Basis in seiner Masslosigkeit findet, um dann zu beschreiben, „wie sehr auch namhafte Konzerne von jener Maßlosigkeit getrieben sind, die bisweilen verbrannte Erde hinterlassen, wenn die politischen Regime vor Ort nur korrupt genug sind, nicht dagegen vorzugehen.“ Wer daran vorbei sehe, könne kaum verstehen, „warum es gerade der Kapitalismus ist, der geradezu zu einem Symbol für eine haltlos komplexe Gesellschaft geworden ist, deren Eigendynamik uns unkontrollierbar erscheint“ (Nassehi 2015).

Weniger geradlinig können wir „Kapitalismus oder Gesellschaft?“ fragen  – mit Dirk Baecker an Joseph Vogls Buch „Der Souveränitätseffekt“ anschliessend: „Wäre es Kapitalismus, müsste man annehmen, dass es auch anders geht, der Gegner jedoch die besseren Karten hat. Ist es Gesellschaft, müsste man annehmen, dass es nicht anders geht, die Karten zwischen Politik und Wirtschaft, Recht und Wissenschaft, Kunst und Religion unter Berücksichtigung der je aktuellen Kräfteverhältnisse jedoch immer wieder neu verteilt werden.“ (Baecker 2015, S. 641)

Und ergänzen, dass „es etwas Schlimmeres gibt als den Kapitalismus und die bürgerliche Gesellschaft: ihre barbarische Aufhebung“ (Grigat 2010, S. 4). In einem nächsten Schritt liesse sich statt von Kapitalismuskritik zu reden mit Maren Lehmann fragen: „Ist die Systemtheorie Gesellschaftskritik? Oder anders, nämlich kritischer: Unterscheiden sich Systemtheorie und Gesellschaftskritik? Wenn ja: wie? Wenn nein: wieso nicht?“ (Lehmann 2014, S. 2)

Literaturverzeichnis

Baecker, Dirk (2015): Der blinde Fleck des “Kapitalismus”: Zu Joseph Vogls Buch „Der Souveränitätseffekt“. In: Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge XXV (3), S. 635–642. Online verfügbar unter https://catjects.wordpress.com/2015/06/20/der-blinde-fleck-des-kapitalismus/, zuletzt geprüft am 02.07.2015.

Grigat, Stephan (2010): Befreite Gesellschaft und Israel. Zum Verhältnis von Kritischer Therorie und Zionismus. Initiative Sozialistisches Forum; Institut für Sozialkritik Freiburg. Online verfügbar unter http://www.ca-ira.net/verlag/leseproben/grigat-feindaufklaerung.reeducation_lp.html, zuletzt aktualisiert am 12.11.2010, zuletzt geprüft am 03.09.2012.

Lehmann, Maren: Kann man mit Systemtheorie Gesellschaftskritik üben? Ein Begriff: Sinn. Eine Unterscheidung: Welt/System. Zwei Bezugsprobleme: Kontingenz und Komplexität. DGS-Kongress in Trier 2014. Online verfügbar unter https://www.zu.de/lehrstuehle/soziologie/assets/pdf/SystemKritik_ML_Trier14.pdf, zuletzt geprüft am 04.07.2015.

Nassehi, Armin (2015): Kapitalismuskritik ist Selbstberuhigung. Im Unbehagen am Kapitalismus zeigt sich die Grundfrage der Moderne: Wie gehen wir mit Komplexität um? Das gilt nicht nur im Fall Griechenland. Griechenland. Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH u. Co. KG. Online verfügbar unter http://www.zeit.de/kultur/2015-07/kapitalismuskritik-selbstberuhigung-armin-nassehi, zuletzt aktualisiert am 07.07.2015, zuletzt geprüft am 08.07.2015.