Ich^1 spiele Ich^2 mit …

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Private Rechtsbrecher / Aussenseiter

Wer die Mörder von Paris statt als private Rechtsbrecher als Aussenseiter wahrnimmt, sich gewiss darüber ist, dass da ein (aussen)politischer Wille am Werk war, und mit einer Kriegserklärung antwortet, macht den sogenannten Islamischen Staat zu einem tatsächlichen. Der IS scheint als Kriegspartei anerkannt zu sein und bisweilen verhandeln Kriegsparteien Lösungen.

Stefan Laurin schreibt für Die Welt, N24 und schiebt die Option „diplomatisch anerkennen“ den Verwirrten der Friedensbewegung in die Schuhe, mit denen die Kriegsparteien dann das diplomatische Parkett betreten werden, sollte es nicht gelingen, mit Stiefeln diesen Konflikt auszutreten.

Re: Gedenkminute für Soziologen

Source: Gedenkminute für Soziologen

Lieber Klaus Kusanowsky

Kommunikation erklären zu wollen, führt zu nichts als vielleicht (mit Betonung auf vielleicht, weil unwahrscheinlich) Anschluss-Kommunikation eben, und besagte Anträge schreiben führt vielleicht zu G‘, also Geld in welcher Form auch immer. Die Präferenz für die eine Unwahrscheinlichkeit ist erwartbar, also weniger unwahrscheinlich solange es noch kein garantiertes bzw. bedingungsloses Grundeinkommen auch für Kommunikationserklärer gibt oder ein funktionales Äquivalent zu Geld gefunden ist, von dem bzw. mit dem ich leben kann (dann ohne Geld und ohne dafür Kommunikation erklären zu müssen).

Liebe – negativ und positiv

„Die verbale Nähe von Hass und Liebe regt zum weiteren Nachdenken an.“

Das Zitat stammt von Regula Stämpfli aus ihrer Kolumne Fragmente der Trauer (Basler Zeitung, 17. November 2015, Seite 9).

Salomo Friedlaender hat entsprechend nachgedacht und eine Skizze Liebe in seinem Buch Schöpferische Indifferenz (1918) veröffentlich. Hass ist demnach Liebe:

„Die Liebe, bloss auf ihr Plus, auf das Gegenteil des Hasses reduziert, würde jede Trennung aufheben. Der Hass, gewürdigt und empfunden als keine andre Liebe, sondern als deren sie ausschliessender Gegensatz, jede Verbindung.“ {Friedlaender 1918: 254–255}

Also kein Gegenbegriffsaustausch!?

Für Friedlander zerbricht die Sprache, was der Denkende polarisiert:

„z. B. Hass und Liebe, also die negative und die positive Liebe, dieses Links und Rechts der echten, der wundersamen Harmonie, deren beseligendes Gefühl man in sich empfindet, ohne sich leicht erklären zu können, weshalb sie objektiv so ohnmächtig scheint.“ {Friedlaender 1918: 37}

Die Sprache

„mache aus demselben Begriff mit verschiedenen Vorzeichen verschiedene Worte und erschwert dadurch die leichte Verständigung; sie zerspricht das polar Selbe. Sie hat für die negative Liebe das besondre Wort ‚Hass‘ ; und sie hat eigentlich gar kein Wort für das Allerwichtigste, für die polarisierende Gleichgültigkeit, für das Liebe und Hass kompensierende schöpferische Erleben ihrer Neutralität und Kommunität.“ {Friedlaender 1918: 77}

Hier habe die Sprache objektiv ihren blinden Fleck,

„ihr Vakuum und Intervall, wodurch sie polar wird, hier schweigt sie. Dieses Schweigen bedeutet für sie das Analoge, was für die Zahlenreihe die Null bedeutet, das durch nichts Positives noch Negatives mehr auszudrückende persönliche Integral aller differenzierten Worte, die schöpferische Sprach-Indifferenz. Nur unter diesem Vorbehalte lässt sich sprechen, dass man auch hier, wie bei den Naturkräften und in der Mathematik, besonders beim Rechnen, positive, neutrale und negative Grösse streng unterscheidet.“ {Friedlaender 1918: 77}

Ein ähnlicher Gedanke findet sich übrigens in Flussers Kommunikationsphilosophie unter dem Stichwort Abstraktionsleiter. Die Nullen der Kommunikationen-Punktwolke erleben in sich „den Dreh- und Wendepunkt aller Alternativen“ (Friedlaender 1918: 99), kehren sozusagen der Abstraktion den Rücken und wenden sich qua Projektion den konkreten Möglichkeiten mannigfaltigster Art zu (Stichwort: Sinn).

Friedlaenders Engel (mal mit mal ohne Anführungszeichen), d.h. der Mensch, der sich gern für den Weltmittelpunkt hält, wird zum Ding unter Dingen degradiert und dieser präzisiertere Mensch halb scherzhaft „Engel“ genannt (S. 3), kennt nun nicht bloss Richtungen und deren Gegensätze, sondern auch aller gemeinsames Zentrum: die Null (vgl. Wolfgang Eßbachs Der Mittelpunkt außerhalb) bzw. echtes Gleichgewicht. Der Mensch, der Alles auf die Minusseite bringe, sei höchstens ein Halb-Engel:

„Der ‚Engel‘ erst integriert die Lebens-Differenz — vor allem schon deshalb, weil er sie als solche und nicht als homogen einsinnig gerichtetes Kontinuum erkennt und behandelt. Er kennt seinen Lebenslauf als polar, deswegen macht er seinen „Tod“ zum absoluten Leben, zum Neutrum der Pole, durch ein gegenseitiges Egalisieren, durch Konterbalancement von innen her. Media morte sumus in vita ist die Devise der Engel.“ {Friedlaender 1918: 98}

Mitten im Tod ist wer im Leben, wenn junge Leute zu stellvertretenden Doppelgängern des „souveränen Menschen“ gemacht, in die Form des Selbstmordattentäters gebracht werden?

„Der souveräne Mensch, dessen Frage häufiger auftaucht, wenn Sozialisation beendet und der Erhalt der reifen Struktur des Selbst zur Gewohnheit geworden ist, sucht bisweilen bewußt die Schattenwelt der Regression auf, wie sie C. G. Jung ausbuchstabiert hat. Auf den Hadespfaden nähert sich diese Subjektivierungsweise spiral abwärts jenen Stellen, von denen aus das Idealselbst zum Schluß sagen könnte: ,Das war ich.‘. Angezogen von der Freiheit als der Imago einer absoluten Definitionsmacht und Handlungskompetenz übt sich souveräne Subjektivität in der Überwindung der Todesangst. Kurz gesagt: Souveränität entwirft ihre Grenzen vom Thema des Todes her.“ {Eßbach 2011: 162}

Die Mörder von Paris sahen plötzlich alt aus.

Problem der Nichtadressierbarkeit

Adrian Schulthess interviewt für die sonntagszeitung.ch den Baselbieter Konvertiten Abdullah C.:

«Ich habe gesagt, dass Frankreich dies aufgrund der militärischen Präsenz in Syrien verdient habe. Da man jedoch an die Drahtzieher dieser Aktionen nicht rankommt, müssen unschuldige Bürger für die Kriegslust büssen», sagt C. {Schulthess 15. November 2015: 9}

Wen meint C. mit den nichtadressierbaren Drahtziehern? Wollte man an zum Beispiel Frankreich „rankommen“, dann könnte er den Président de la République française, François Hollande, nicht nur über seinen verifizierten Twitter-Account  (@fhollande) erreichen, sondern ihm auch über seine Webseite http://www.elysee.fr/ecrire-au-president-de-la-republique/ bzw. auf dem Postwege schreiben und/oder ihn im Élysée-Palast besuchen. Macht er aber nicht.

Es geht sie nichts an. Wolfgang Sofsky zu Freitod und Politik

Wenn man behauptet, er dürfe darüber bestimmen, wann und wie ein Untertan die Welt verlässt, ruf Wolfgang Sofsky in Erinnerung:

Der Freitod ist jedem freigestellt, zu jeder Zeit, an jedem Ort, in jedem Alter, ob siechkrank oder kerngesund, ob trübsinnig, überdrüssig, freudig erregt oder weltverekelt. Ferner: Die Beihilfe zum Freitod ist ebenfalls freigestellt.

Source: Freitod und Politik

Emigrieren

„Das Ich ist aus mir hinaus ausgewandert und in die Welt hinein. Dort steht es mir fremd gegenüber – zum Verwechseln ähnlich den vielen Anderen da draussen und kein noch so aufmerksames dem Welt-Ich zugewendetes Fragen und Hören ergibt eine Antwort, die man unterscheiden könnte vom Text der Anderen, die einem da gegenüber stehen.“

Das sagte Rainald Goetz in seiner Büchnerpreis-Rede. Unser Mittelpunkt ‚ist‘ ausserhalb. Ein Nullpunkt. Abstraktion kehrt sich dort um und projiziert zugleich Möglichkeiten. Eine bleibt vielleicht übrig. Alle übrigen Gäste sind bereits gegangen. Eine Diagonale aus Nullpunkten. Ein Punkt neben den beiden Anderen.