Liebe – negativ und positiv

„Die verbale Nähe von Hass und Liebe regt zum weiteren Nachdenken an.“

Das Zitat stammt von Regula Stämpfli aus ihrer Kolumne Fragmente der Trauer (Basler Zeitung, 17. November 2015, Seite 9).

Salomo Friedlaender hat entsprechend nachgedacht und eine Skizze Liebe in seinem Buch Schöpferische Indifferenz (1918) veröffentlich. Hass ist demnach Liebe:

„Die Liebe, bloss auf ihr Plus, auf das Gegenteil des Hasses reduziert, würde jede Trennung aufheben. Der Hass, gewürdigt und empfunden als keine andre Liebe, sondern als deren sie ausschliessender Gegensatz, jede Verbindung.“ {Friedlaender 1918: 254–255}

Also kein Gegenbegriffsaustausch!?

Für Friedlander zerbricht die Sprache, was der Denkende polarisiert:

„z. B. Hass und Liebe, also die negative und die positive Liebe, dieses Links und Rechts der echten, der wundersamen Harmonie, deren beseligendes Gefühl man in sich empfindet, ohne sich leicht erklären zu können, weshalb sie objektiv so ohnmächtig scheint.“ {Friedlaender 1918: 37}

Die Sprache

„mache aus demselben Begriff mit verschiedenen Vorzeichen verschiedene Worte und erschwert dadurch die leichte Verständigung; sie zerspricht das polar Selbe. Sie hat für die negative Liebe das besondre Wort ‚Hass‘ ; und sie hat eigentlich gar kein Wort für das Allerwichtigste, für die polarisierende Gleichgültigkeit, für das Liebe und Hass kompensierende schöpferische Erleben ihrer Neutralität und Kommunität.“ {Friedlaender 1918: 77}

Hier habe die Sprache objektiv ihren blinden Fleck,

„ihr Vakuum und Intervall, wodurch sie polar wird, hier schweigt sie. Dieses Schweigen bedeutet für sie das Analoge, was für die Zahlenreihe die Null bedeutet, das durch nichts Positives noch Negatives mehr auszudrückende persönliche Integral aller differenzierten Worte, die schöpferische Sprach-Indifferenz. Nur unter diesem Vorbehalte lässt sich sprechen, dass man auch hier, wie bei den Naturkräften und in der Mathematik, besonders beim Rechnen, positive, neutrale und negative Grösse streng unterscheidet.“ {Friedlaender 1918: 77}

Ein ähnlicher Gedanke findet sich übrigens in Flussers Kommunikationsphilosophie unter dem Stichwort Abstraktionsleiter. Die Nullen der Kommunikationen-Punktwolke erleben in sich „den Dreh- und Wendepunkt aller Alternativen“ (Friedlaender 1918: 99), kehren sozusagen der Abstraktion den Rücken und wenden sich qua Projektion den konkreten Möglichkeiten mannigfaltigster Art zu (Stichwort: Sinn).

Friedlaenders Engel (mal mit mal ohne Anführungszeichen), d.h. der Mensch, der sich gern für den Weltmittelpunkt hält, wird zum Ding unter Dingen degradiert und dieser präzisiertere Mensch halb scherzhaft „Engel“ genannt (S. 3), kennt nun nicht bloss Richtungen und deren Gegensätze, sondern auch aller gemeinsames Zentrum: die Null (vgl. Wolfgang Eßbachs Der Mittelpunkt außerhalb) bzw. echtes Gleichgewicht. Der Mensch, der Alles auf die Minusseite bringe, sei höchstens ein Halb-Engel:

„Der ‚Engel‘ erst integriert die Lebens-Differenz — vor allem schon deshalb, weil er sie als solche und nicht als homogen einsinnig gerichtetes Kontinuum erkennt und behandelt. Er kennt seinen Lebenslauf als polar, deswegen macht er seinen „Tod“ zum absoluten Leben, zum Neutrum der Pole, durch ein gegenseitiges Egalisieren, durch Konterbalancement von innen her. Media morte sumus in vita ist die Devise der Engel.“ {Friedlaender 1918: 98}

Mitten im Tod ist wer im Leben, wenn junge Leute zu stellvertretenden Doppelgängern des „souveränen Menschen“ gemacht, in die Form des Selbstmordattentäters gebracht werden?

„Der souveräne Mensch, dessen Frage häufiger auftaucht, wenn Sozialisation beendet und der Erhalt der reifen Struktur des Selbst zur Gewohnheit geworden ist, sucht bisweilen bewußt die Schattenwelt der Regression auf, wie sie C. G. Jung ausbuchstabiert hat. Auf den Hadespfaden nähert sich diese Subjektivierungsweise spiral abwärts jenen Stellen, von denen aus das Idealselbst zum Schluß sagen könnte: ,Das war ich.‘. Angezogen von der Freiheit als der Imago einer absoluten Definitionsmacht und Handlungskompetenz übt sich souveräne Subjektivität in der Überwindung der Todesangst. Kurz gesagt: Souveränität entwirft ihre Grenzen vom Thema des Todes her.“ {Eßbach 2011: 162}

Die Mörder von Paris sahen plötzlich alt aus.

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