Von kreativen Sprüngen und überlebenden Fehlern

„Noch weniger hilft die in der Soziologie übliche Unterscheidung von Struktur und Prozeß. Von ihren offenkundigen Mängeln abgesehen – daß sie nämlich weder die Änderbarkeit der Strukturen noch die Strukturiertheit der Prozesse erfaßt –, benutzt sie objektivierende Begriffe von etwas Feststehendem und etwas Fließendem, in deren Entgegensetzung das Wesen der Zeit verborgen bleibt.“

Das Zitat stammt aus Niklas Luhmanns Vertrauen (4/2000: 9).

In einer Entgegensetzung bleibt etwas verborgen (Synonymgruppe: latent, unbewusst, unterschwellig, verborgen, versteckt) und zwar die gegenüberliegende Seite bzw. die Bewegung, welche die Beobachtung machen müsste, wollte sie die Gegenseite erreichen. Ich komme später auf das Problem(?) zurück, dass Unterscheidungen oft nahezu unbemerkt geändert werden.

Eine Formulierung aus Luhmanns Das Recht der Gesellschaft, Seite 26 aufgreifend: Unterscheidet die Beobachtung etwas von allem anderen, bezeichnet sie Objekte. Unterscheidet sie etwas von bestimmten (und nicht von anderen) Gegenbegriffen, bezeichnet sie Begriffe und dabei hat sie es offenbar auch mit Negation(en) zu tun: das und alles andere nicht. Und „bestimmt“ meint feststehend (und dem Sprecher oder Hörer bekannt, sodass eine nähere Erläuterung unnötig ist), hat mit nennen, anordnen und festsetzen zu tun: einen Ort bestimmen.

Das erste Axiom in George Spencer Browns Laws of Form ist das Gesetz des Nennens:

„Wenn der Inhalt Wert hat, kann gleichermaßen ein Motiv oder eine Absicht oder Anweisung, die Grenze in den Inhalt hinein zu kreuzen, herangezogen werden, um diesen Wert zu bezeichnen. Somit kann das Kreuzen der Grenze ebenfalls mit dem Wert des Inhalts identifiziert werden.“

Schwierig wird es, wenn wir uns auf der Gegenseite bestimmte Gegenbegriffe vorstellen möchten. Vielleicht hilft das zweite Axiom weiter:

„Wenn beabsichtigt ist, eine Grenze zu kreuzen, und dann beabsichtigt ist, sie noch einmal zu kreuzen, ist der Wert, der durch die zwei Absichten zusammen bezeichnet wird, der Wert, der durch keine der beiden bezeichnet wird.“

Eine Spur der zwei Absichten, Dieses Spiel geht nur zu zweit und wer sagt schon, die Beobachtung sei ein Beobachter?

Besonders angeregt – schreibt Peter Fuchs in einem Exkurs: Gegenbegriffsaustausch – habe ihn die Formulierung: „Bewußtsein im Unterschied zum Gehirn ist etwas anderes als Bewußtsein im Unterschied zur Kommunikation. […] Das Auswechseln des Gegenbegriffs, die sogenannte antonym substitution, ist für die Bestimmung des Begriffs, um den es geht, von entscheidender Bedeutung.“ (Baecker, D., Die Unterscheidung zwischen Bewußtsein und Kommunikation, in: Krohn, W./Küppers, G. (Hrsg.), Emergenz: die Entstehung von Ordnung, Organisation und Bedeutung, 2. Aufl., Frankfurt a.M.1992, S. 217-268, hier: S.225/226.)

Er hatte sich verheddert in die Differenz von Gehirn/Bewußtsein:

„Verheddern, das hieß, daß ich mich in die Abgründe der Neurologie verwickelte, aber von dort aus kein Fortkommen sah, weil Gehirne nun einfach nicht denken, also etwas wie Sinn nicht produzieren. Der Baeckersche Hinweis führte zu einer Extremersparnis, insofern der Zusammenhang von Bewußtsein/Kommunikation ein ganz anderes Feld eröffnet und außerdem so etwas wie eine de-ontologisierende Eleganz ermöglicht.“

Er habe dann ähnliche Substitutionen ausprobieren können, etwa Natur/Kultur, Natur/Sinn, Natur/Gesellschaft etc.

Praktisch gesehen, gehe es darum, „in der je eigenen Arbeit superevidente Unterscheidungen durch ein ‚Was wäre, wenn …?‘ aufzulösen“.

„Inevident heisst, die Routine stockt.“ (Wolfgang Eßbach)

Das Problem scheint für Luhmann in Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 236-237 darin zu bestehen, „daß Unterscheidungen oft nahezu unbemerkt geändert werden, indem man die bezeichnete Seite, an der das Anschlußwissen hängt, festhält, aber ihren Gegenbegriff austauscht.“

„So kam man (ohne zureichende Kontrolle dieses Substitutionsvorgangs) von der alten Unterscheidung Natur und Gnade im 18. Jahrhundert zu Natur und Zivilisation und im 19. Jahrhundert zu Natur und Geist – ein Austausch, der im übrigen signalisiert, daß sich das Naturverständnis verändert, wenn nicht auflöst, ganz unabhängig von der Kontinuität theoriegeleiteter Forschungen in den sogenannten Naturwissenschaften. Auch über Theorieentwicklungen informiert man sich am besten durch die Frage, welche Unterscheidungen einen Begriff bestimmen. So bezeichnete der Gesellschaftsbegriff in der Unterscheidung von Staat etwas anderes als in der Unterscheidung von Gemeinschaft, und davor lag eine Tradition, die sich mit der Unterscheidung von häuslichen und politischen Gesellschaften begnügte. Oder: man spricht nicht über dasselbe, wenn man die Unterscheidung von System und Umwelt durch die Unterscheidung von System und Lebenswelt ersetzt und dann auf dieser Basis gegen die Ansprüche »der« Systemtheorie polemisiert.“

Wie bemerkt nun (kontrolliert?) die Beobachtung, dass Unterscheidungen geändert werden? (Und wie können wir uns Anschlusswissen vorstellen, das an der bezeichneten Stelle hängt?)

Die o.g. Antonym Substitution kenne ich aus der Versprecherforschung:

Lexical (Word) Selection Errors (Only lexemes)

Semantically Based Substitution Errors

  1. Antonym Substitution
    • It’s too damn hot . . . , I mean, cold in here
    • He rode his bicycle tomorrow (yesterday)
    • All I need is something for my elbows (shoulders)
  2. Synonym Substitution is not perceived as an error:
    • I was starving (ravenous)
    • on the couch (sofa)
    • on the pier (dock)

Die Idee der strukturalistischen Sprachwissenschaft ist:

Ersetzung eines Elements einer sprachlichen Kette durch ein anderes Element zur Ermittlung der in Opposition stehenden Einheiten einer Sprache,

über den methodischen Umweg der Beobachtung von Fehlern auf den konstruierten Normalfall zu schliessen. Im Gegensatz dazu wird Synonym Substitution nicht als Fehler wahrgenommen. Es braucht also mindestens zwei beobachtende psychische Systeme zur Phänomenalisierung eines Fehlers. Das weitere Problem besteht nun darin, dass es sich dabei sozusagen um überlebende Fehler handeln muss, also um Fehler, die bereits ins Repertoire aufgenommen wurden, sonst wären sie nicht wahrnehmbar (gewesen in the first place). Stichworte dabei sind: error propagation, also die Verbreitung von Fehlern mit Hilfe entsprechender Medien. Und bemerken kann die Beobachtung dann, dass es immer mehr zu beobachten gibt.

Das scheint Luhmann in Die Politik der Gesellschaft, S. 295 nicht zu befriedigen:

„Die öffentliche Meinung favorisiert mithin einen Gegenbegriffsaustausch: Konsens/Dissens statt Konsens/Gewalt. Oder anders gesagt: sie favorisiert das Beobachtungsschema Konsens/Dissens und verbirgt mit dem blinden Fleck dieses Schemas das, worauf es in der Politik letztlich ankommt: die legitime Disposition über staatlich organisierte Gewalt.“

Ob solche Beobachtungsschemata in der Theoriearchitektur auf der späteren Basis der Laws of Form (kurz: LoF) noch konsistent gehalten werden können, möchte ich jetzt hier dahingestellt (und damit bezweifelt) sein lassen. Mit dem blinden Fleck scheinen wir wieder zwischengelandet zu sein bei der Synonymgruppe: latent, unbewusst, unterschwellig, verborgen, versteckt – und einem Beobachter mit Sehvermögen (=Luhmann).

Luhmann findet in Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 102 – ihm erscheint „Wissenschaft in der Beobachtung zweiter Ordnung (die auch durch die Wissenschaft selbst durchgeführt werden kann; siehe hier) als im Prinzip logikunfähig“ (noch logikunfähig? Weil ohne LoF?) –,  einen Ansatz

„für das Nachzeichnen einer Wissenschaftskritik im Sinne von Husserl, Schütz oder Habermas. Nur arbeitet die im Text oben angedeutete Kritik nicht mit Gegenbegriffen zu Technik oder instrumenteller bzw. strategischer Kommunikation; ganz zu schweigen vom Topos der Herrschaftsfreiheit. Sie zielt viel tiefer, den ganzen Habermas einbeziehend, auf eine Kritik von Positionen, die in Anspruch nehmen, daß sie das Wahre, Vernünftige, Richtige sehen oder wenigstens Wege und Verhaltensweisen aufzeigen können, die dahin führen. (Ich halte dies aufrecht auch nach Kenntnisnahme der Aufsätze in: Jürgen Habermas, Nachmetaphysisches Denken, Frankfurt 1988).“

Für Normalsterbliche „spielen sich neue Formen der lebensweltlichen Benutzung von »unverstandenem« Wissen ein — vor allem in der Benutzung technischer Artefakte und, in geringerem Umfange, statistischer Daten“ (ebd., S. 162). Oder Normen als ein weiteres Beispiel für Formen, welche die Zukunft binden; siehe Esposito, Elena (2002): Soziales Vergessen, S. 361.

Für Luhmann (a.a.O., S. 162, Fussnote 47) liegt hier „denn auch der Punkt, an dem Husserl, freilich von einer transzendentaltheoretischen Gegenbegrifflichkeit aus, seinen Begriff der Lebenswelt einsetzt. So bekanntlich in: Edmund Husserl, Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie, Husserliana, Bd. VI, Den Haag 1954.“

Der Kreis scheint sich geschlossen zu haben. Die Methode des Gegenbegriffsaustauschs funktioniert unter der Bedingung: Nehme die Ersetzung an der gleichen Position des Syntagmas vor. Das Zusammengestellte der funktional differenzierten Gesellschaft unterscheidet sich nun jedoch wesentlich von einer sprachlichen Kette. Sie wird zum Beispiel in diesem Ausschnitt eines Lehrfilms (Hoppe, Fuchs (Hg) 2012 – Systemtheoretisches Denken – DVD_1_Soziale_Systeme) als Punktwolke visualisiert:


#00:20:29-4# Die Grafik von den Funktionssystemen der Gesellschaft ist bereits eine Beobachterleistung; denn die Gesellschaft besteht aus Kommunikationen, die milliardenfach aneinander anschliessen. Im Laufe der Evolution haben sich bestimmte Cluster gebildet, die diese Kommunikationen mit Strukturmerkmalen ausgestattet haben. Diese Strukturen lassen sich unterscheiden und bezeichnen. Jedes Funktionssystem reproduziert sich durch eigene Kommunikationsformen. …

An welcher Position sollten wir nun die Ersetzung vornehmen? Ein Beispiel: Mit Peter Fuchs würden wir versuchen, die Form der Kontrolle zu bestimmen, also eine antagonistische Differenz konstruieren, die den Begriff ‚Kontrolle‘ so sehr abstrahiert, dass sie nicht ausgeblendet werden kann, wenn man über ‚Kontrolle‘ spricht. Diese antagonistische Unterscheidung wäre der Meinung meiner Ehefrau nach: Kontrolle/Kreativität. Und mit Uli Reiter können wir nun fragen,

„was denn nun die Beobachtung der Mitteilungen eines Kreativen, der in der psychiatrischen Praxis sitzt, von der Beobachtung der Mitteilungen eines Kreativen in einem Atelier unterscheidet – unter welchen Bedingungen die eine oder die andere greift und was dadurch jeweils für Anschlussoptionen eröffnet werden?“ (E-Mail von Uli Reiter am 22.02.2013, 19:29 an die iATS – Mailingliste zum Thema Pathologisierung – Funktionalität, Selbstbeschreibung, Kreativität / E-Mail-Konversation mit Josef Heck)

Das Element, mit dem wir die Ersetzung durchspielen, ist nun also kein Wort mehr (das war das Beispiel hot oder cold bei der obigen Antonym Substitution). Stattdessen handelt es sich jetzt um eine gedankenexperimentelle Beobachtung von Beobachtungsschemata an verschiedenen Positionen der o.g. Punktwolke (Stichwort: Änderung der Fortsetzbarkeitsbedingungen) mit der Frage, ob der Kommunikation ihre Verkettung dann noch gelingen könnte.

(Mit dem zusätzlichen Problem für die psychischen Systeme, die dafür notwendige Bedingung, die gedankenexperimentell produzierenden Fehler, ins stille Kämmerlein der Beobachtung 2. Ordnung zu verschieben.)

Advertisements

Ein Gedanke zu “Von kreativen Sprüngen und überlebenden Fehlern”

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s