(Nassehi 2015-07-07 – Kapitalismuskritik ist Selbstberuhigung)

Vorvorgestern erschien ein Text von Armin Nassehi im Online-Kulturteil der deutschen Wochenzeitung Die Zeit, und dessen erster Satz ging so: „Die Zeiten für Kapitalismuskritik waren nie besser.“ Stets werde der Kapitalismus „als Kritikfokus und Kritikadresse ausgemacht“. Aber, so der für systemtheoretisch Interessierte geläufige Fingerzeig: „der Kapitalismus“ – nun zwischen Anführungszeichen – hat keine Adresse. Seine Unerreichbarkeit wird dann als kausale Letztbegründung dafür offeriert, den „Diskurs etwa um die Griechenland-Krise“ als „in den langweiligen Alternativen zwischen staatlicher Regulierung und dem wirtschaftsliberalen Glauben an Selbstheilungskräfte von Märkten gefangen“ bleibend zu beschreiben (mit Bezug auf den ihn nicht weiter interessierenden Gastbeitrag von Wolf Lotter in der Ausgabe vom 4. Juli).

Kritik stellt – eine Formulierung von Achim Brosziewski aufgreifend – theoretisch keine besonderen Anforderungen dar; man muss Unterscheidungen unterscheiden, im Zitat zum Beispiel  „staatliche Regulierung / Selbstheilungskräfte von Märkten“  – und schon werden die Konturen des Beobachters sichtbar: ein gelangweilter Beobachter, der routiniert „Kapitalismus / Klima“, „Gleichheitsversprechen der politischen Aufklärung / Ungleichheitseffekte des Ökonomischen“ und andere aus seiner Sicht allgemein bekannte Tatsachen abarbeitet, es nicht ausschliesst, dass es sich lohnen könnte, „dem Kapitalismus genauer auf den Grund zu gehen“, dessen Basis in seiner Masslosigkeit findet, um dann zu beschreiben, „wie sehr auch namhafte Konzerne von jener Maßlosigkeit getrieben sind, die bisweilen verbrannte Erde hinterlassen, wenn die politischen Regime vor Ort nur korrupt genug sind, nicht dagegen vorzugehen.“ Wer daran vorbei sehe, könne kaum verstehen, „warum es gerade der Kapitalismus ist, der geradezu zu einem Symbol für eine haltlos komplexe Gesellschaft geworden ist, deren Eigendynamik uns unkontrollierbar erscheint“ (Nassehi 2015).

Weniger geradlinig können wir „Kapitalismus oder Gesellschaft?“ fragen  – mit Dirk Baecker an Joseph Vogls Buch „Der Souveränitätseffekt“ anschliessend: „Wäre es Kapitalismus, müsste man annehmen, dass es auch anders geht, der Gegner jedoch die besseren Karten hat. Ist es Gesellschaft, müsste man annehmen, dass es nicht anders geht, die Karten zwischen Politik und Wirtschaft, Recht und Wissenschaft, Kunst und Religion unter Berücksichtigung der je aktuellen Kräfteverhältnisse jedoch immer wieder neu verteilt werden.“ (Baecker 2015, S. 641)

Und ergänzen, dass „es etwas Schlimmeres gibt als den Kapitalismus und die bürgerliche Gesellschaft: ihre barbarische Aufhebung“ (Grigat 2010, S. 4). In einem nächsten Schritt liesse sich statt von Kapitalismuskritik zu reden mit Maren Lehmann fragen: „Ist die Systemtheorie Gesellschaftskritik? Oder anders, nämlich kritischer: Unterscheiden sich Systemtheorie und Gesellschaftskritik? Wenn ja: wie? Wenn nein: wieso nicht?“ (Lehmann 2014, S. 2)

Literaturverzeichnis

Baecker, Dirk (2015): Der blinde Fleck des “Kapitalismus”: Zu Joseph Vogls Buch „Der Souveränitätseffekt“. In: Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge XXV (3), S. 635–642. Online verfügbar unter https://catjects.wordpress.com/2015/06/20/der-blinde-fleck-des-kapitalismus/, zuletzt geprüft am 02.07.2015.

Grigat, Stephan (2010): Befreite Gesellschaft und Israel. Zum Verhältnis von Kritischer Therorie und Zionismus. Initiative Sozialistisches Forum; Institut für Sozialkritik Freiburg. Online verfügbar unter http://www.ca-ira.net/verlag/leseproben/grigat-feindaufklaerung.reeducation_lp.html, zuletzt aktualisiert am 12.11.2010, zuletzt geprüft am 03.09.2012.

Lehmann, Maren: Kann man mit Systemtheorie Gesellschaftskritik üben? Ein Begriff: Sinn. Eine Unterscheidung: Welt/System. Zwei Bezugsprobleme: Kontingenz und Komplexität. DGS-Kongress in Trier 2014. Online verfügbar unter https://www.zu.de/lehrstuehle/soziologie/assets/pdf/SystemKritik_ML_Trier14.pdf, zuletzt geprüft am 04.07.2015.

Nassehi, Armin (2015): Kapitalismuskritik ist Selbstberuhigung. Im Unbehagen am Kapitalismus zeigt sich die Grundfrage der Moderne: Wie gehen wir mit Komplexität um? Das gilt nicht nur im Fall Griechenland. Griechenland. Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH u. Co. KG. Online verfügbar unter http://www.zeit.de/kultur/2015-07/kapitalismuskritik-selbstberuhigung-armin-nassehi, zuletzt aktualisiert am 07.07.2015, zuletzt geprüft am 08.07.2015.

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